Vier Monate auf dem Ozean:
Wie die Maclean-Brüder an ihre Grenzen gingen
Viereinhalb Monate auf einem Ruderboot, mitten im Ozean – ohne Komfort, mit Schlafmangel und einer klaren Mission. Jamie Maclean erzählt, wie ihn diese extreme Reise verändert hat und warum kleine Gesten plötzlich alles bedeuten.
Die Maclean Brüder sind im Film A Different Beast im Rahmen der Int. Ocean Film Tour Vol. 12 zu sehen. Mehr Informationen zum Film findest du hier: Filmseite A Different Beast
Das Ruder-Abenteuer in Zahlen
Zeit
139 Tage, 2.000 Stunden am Ruder
Strecke
9.750 Seemeilen = 18.057 Kilometer
Power
3 Mal 2,8 Millionen Ruderschläge
Logbuch
100.000 Wörter
Wie das Leben auf dem Ozean Menschen verändert
Jamie, du hast viereinhalb Monate zusammen mit deinen Brüdern Ewan und Lachlan auf einem Ruderboot gelebt. Wie hat dich diese Reise verändert?
Ich glaube, ich bin empathischer geworden. Auf dem Boot war es entscheidend, die Moral nicht zu verlieren und füreinander da zu sein. Kleine Gesten der Fürsorglichkeit, sich gegenseitig helfen – das macht einen großen Unterschied. Und das habe ich in meinen Alltag mitgenommen.
Auf einem anderen Level gab uns die Spendenaktion Sinn und Motivation. Dieses Ziel vor Augen zu haben, hat uns geholfen, diszipliniert zu bleiben und uns jeden Tag daran erinnert, warum wir das machen.
Drei Tage Schweigen mitten im Ozean
Mitten auf dem Ozean habt ihr ein kleines Schweigeseminar eingelegt – drei Tage lang. Wessen Idee war das?
(lacht) Das war Lachlans Idee, der jüngste Bruder. Er ist der Nachdenkliche von uns dreien und hat Philosophie studiert. Ursprünglich wollte er das sogar eine Woche durchziehen. Aber wir konnten es auf drei Tage herunterhandeln. Wenn ich das noch einmal machen würde, wäre es wahrscheinlich nur ein halber Tag. (lacht)
Wir waren froh, dass wir das gemacht haben, aber es war echt eine Herausforderung, weil wir aus praktischen Gründen trotzdem kommunizieren mussten – also haben wir im Laufe der drei Tage Klopf- und Pfeifsignale entwickelt.
Auf der Überquerung war alles rationiert, auch die Musik: nur ein oder zwei Stunden pro Tag. Nachts ist immer nur einer von uns an den Rudern gesessen. Deswegen durfte derjenige die ganze Nacht Musik hören, um die Schicht besser zu überstehen.
Musik zwischen Sturm und Erschöpfung
Musik hattet ihr ja auch in anderer Form dabei. Kommt ihr aus einer musikalischen Familie?
Unsere Mutter hat uns zumindest von klein auf ermutigt, Musik zu machen. Aufs Boot hat dann jeder von uns sein Instrument mitgenommen, um zu spielen und vielleicht sogar Songs zu schreiben. Ich hatte meinen Dudelsack, Ewan eine Gitarre und Lachlan ein Akkordeon dabei.
Aber fast jede Minute war mit Rudern, Kochen, Reparaturen oder Kommunikation mit der Außenwelt ausgefüllt. Wir haben nur ein paar Mal gespielt, wenn wir im Sturmanker lagen – und wie du dir vorstellen kannst, waren die Bedingungen dann alles andere als ideal. (lacht)
Schlafmangel und mentale Grenzerfahrungen
Wie ging es euch mit dem Schlafmangel?
Aufgrund unserer Ruderschichten kam jeder im Schnitt auf etwa fünf bis sechs Stunden Schlaf. Daran gewöhnt man sich, aber nachts allein in der Dunkelheit verselbstständigen sich die Gedanken leicht.
Gegen Halluzinationen hat wirklich nur diszipliniertes Essen und Trinken geholfen, weil ein Ungleichgewicht im Zucker- und Salzhaushalt des Körpers solche Symptome verstärken kann.
100.000 Wörter als Erinnerung
Habt ihr eigentlich Tagebuch geführt?
Nein, also zumindest keine persönlichen Tagebücher. Aber ein Logbuch für unseren Vater, der keine sozialen Medien nutzt und sich darüber schnell aufregt. Wir haben täglich Einträge verfasst und wechselten uns alle drei Tage ab.
Insgesamt kamen so etwa 100.000 Wörter zusammen – eine der besten Entscheidungen, die wir getroffen haben. Das Logbuch hilft uns heute, die kleinen Details in Erinnerung zu behalten, die diese Erfahrung so besonders gemacht haben. Falls wir ein Buch schreiben, wird dieses Logbuch eine große Hilfe sein.
Zurück an Land: Die Überforderung des Alltags
Wie war die Rückkehr ins Leben an Land nach 139 Tagen auf See?
Körperlich ging es uns gut, aber mental haben wir ein paar Monate gebraucht. Besonders für Lachlan war es überwältigend, zum ersten Mal wieder in einen Supermarkt zu gehen.
Viereinhalb Monate lang mussten wir nicht darüber nachdenken, was wir als Nächstes essen wollen oder was wir einkaufen müssen. Im Alltag gibt es so viele kleine, scheinbar belanglose Entscheidungen – und die summieren sich zu einer Art Hintergrundrauschen, das wir lange nicht hatten.
Andererseits waren wir auch während der Überfahrt durch das Fundraising und viel Kommunikation in den Medien mit der Außenwelt verbunden. Das hat manchmal die Moral gehoben, uns aber auch aus der gegenwärtigen Erfahrung herausgerissen. Jedes Mal, wenn wir wieder Kontakt hatten, brauchte es eine Weile, um mental zurück aufs Boot zu finden.
„Mission erfüllt“ – und dann?
Was ist passiert, nachdem ihr euer Spendenziel erreicht habt?
Unser Ziel von einer Million Pfund für sauberes Trinkwasser war sehr ambitioniert. Ehrlich gesagt haben wir nicht wirklich damit gerechnet, das zu schaffen, als wir in Peru aufs Boot gestiegen sind.
Diese überwältigende Unterstützung hat uns gezeigt, wie tausende kleine Spenden in Summe etwas Großes bewirken können. Als wir das Spendenziel erreicht hatten, fühlte es sich an wie „Mission erfüllt“, und wir waren etwas orientierungslos.
Wir haben nach unserer Ankunft viel Zeit damit verbracht, die Reise Revue passieren zu lassen und darüber zu schreiben. Unser Ziel ist es, nicht einfach in unsere alten Jobs zurückzukehren, sondern den Schwung dieser Herausforderung mitzunehmen.
Der Drang nach Abenteuer wird immer da sein – ob auf See oder an Land!
Jamie Maclean
Wie geht es weiter?
Was kommt als Nächstes für die Maclean-Brüder?
Wir wollen etwas völlig anderes machen. Der Drang nach Abenteuer wird immer da sein – ob auf See oder an Land. Wir freuen uns auf neue Projekte in unserer Heimat Schottland, an der Küste, auf Inseln und im Landesinneren. Wir bleiben einfach offen für neue Ideen.
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